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Roland Fuhrmann
POLARSTERNROHR α UMi

Ort: Bärwalder See, Uhyster Ufer (Sichtachse Schloss)

Das Universum dreht sich um den Bärwalder See. Zumindest wenn man durch das Sichtrohr von Roland Fuhrmanns Plastik "α UMi" blickt. Als "Alpha UMi" bezeichnet die Astronomie den Polarstern, der bereits in der Dämmerung eindrucksvoll über dem Nordufer des Sees zu sehen ist. Er markiert die Verlängerung des Achspunktes der Erddrehung ins Weltall. Von der Erde aus gesehen, ist er der einzige Punkt im Universum, der scheinbar still steht. Dieser Stern ist zu jeder Zeit im Mittelpunkt des Rohres zu sehen, tagsüber theoretisch, nachts tatsächlich. Durch das simple Rohr richten wir unser Auge auf jenen Punkt des Universums, um den sich scheinbar alles dreht. Mit dem unabgelenkten, konzentrierten Blick halten wir inne und lassen uns für einen Moment auf diesen kosmischen Ruhepol ein. Das "Fernrohr" richtet dabei lediglich den Fokus auf "Alpha UMi", der eigentlich eine Sternengruppe ist. Die außerordentliche Leuchtkraft des Gestirns macht Linsensysteme überflüssig. Auch in einem kleinen Ausschnitt des Nachthimmels und unter weniger guten Sichtverhältnissen ist es leicht erkennbar.

Spätestens seit dem 17. Jahrhundert folgten Barockgärten und Landschaftsparks mit ihren Achsensymmetrien und geometrischen Anlagen den Gesetzen des Kosmos. Auch der Schlosspark von Uhyst macht hier keine Ausnahme. Er entstand um 1740 und seine axialsymmetrische Ausrichtung, die vom Gutshaus ausgeht, ist heute noch - trotz späterer Veränderungen - gut zu verfolgen. Mit den Umgestaltungen, die mit der Renaturierung des Braunkohleabbaugebiets und der Anlage des Bärwalder See einhergingen, wurde diese Linie von der Eingangsseite des barocken Gebäudes her verlängert. Diese schlüssige Lösung der heutigen Landschaftsplaner hätte der Erbauer, Friedrich Caspar Reichsgraf von Gersdorf, sicherlich unterstützt. Mit der neuen Sichtachse wird nicht nur der See in die Wahrnehmung einbezogen, sondern auch das imposante Kraftwerk Boxberg am anderen Ufer. Mit seiner markanten Silhouette bietet es sowohl einen Gegenpol zu der reichen Historie von Uhyst wie auch ein Beispiel für heutige "Herrschaftsarchitektur". Denn wurden nicht die gesellschaftlichen und letztlich auch die ästhetischen Bedingungen besonders des 20. Jahrhunderts von Industriearchitektur bestimmt? In diesem Sinne ist die Sichtachse von Uhyst auch als begehbarer Zeitstrahl zu verstehen, der uns aus der Vergangenheit in die Gegenwart leitet.

Der barocke Garten bildete gern eine paradiesische Welt ab, die jedoch gleichzeitig von Logik durchdrungen war. Diese Gartenideen wollten in kosmischer wie auch spiritueller Hinsicht Abbilder des Himmels auf Erden sein. Um eine solche Symbolik und räumliche Dimensionen erfahrbar zu machen, waren Blickachsen damals wie heute unverzichtbare Mittel. Die Idee, mit einem Garten den Kosmos oder zumindest damit verbundene Fragen abzubilden, faszinierte im ausgehenden 20. Jahrundert den amerikanische Gartengestalter und postmodernen Theoretiker Charles Jencks. Er legte in Schottland seinem "Garden of cosmic speculation" (Der Garten der kosmischen Spekulation) an. Auch er versuchte, komplexe Entwürfe aus historischen Parks mit heutigen natur- und geisteswissenschaftlichen Fragen in ein begehbares Bild aus allerlei plastischen und vegetativen Elementen zu verwandeln: Der Park dient als Bühne für Erholung und Erkenntnisgewinn zugleich.

Mit der Achse von "α UMi" wird eine ähnliche Parkidee, die ihren Ursprung im Barock hat, bis hinaus ins Weltenall verlängert. Im Barock stand am Ende von Sichtachsen häufig eine Skulptur der antiken Gottheit Venus - der helle Abendstern erhielt ihren Namen. Sein astronomisches Symbol verweist noch immer auf den Handspiegel, in dem die Göttin ihre Schönheit betrachtete und von dem aus ein Abglanz auf die Umgebung fiel. Insofern ist das Werk "α UMi" von Roland Fuhrmann auch ein sehr poetisches Gleichnis für die Kraft von Mythen, die uns trotz aller rationalistischen Abgeklärtheit bei der Naturbetrachtung noch immer berührt. Mit dem einstigen herrschaftlichen Gut Uhyst und seinem unverwechselbaren Park im Rücken, blicken wir auf See und den Polarstern und empfinden die unergründliche Weite des Kosmos. Die Kulisse des Kraftwerks blendet sich stets in diese kontemplative Betrachtung ein. Schauen wir aber nur durch das Sichtrohr, so rückt der mächtige Komplex aus Blickfeld und Bewusstsein. Das Universum dreht sich für einen Moment um den Bärwalder See.


B i o g r a p h i e

1966 geboren in Dresden, lebt in Berlin

1991 - 1995 Studium an der Hochschule für Kunst und Design Halle/Burg Giebichenstein

1995 - 1997 Studium an der Ècole Nationale Supérieure des Beaux-Arts
in Paris bei C. Boltanski

S t i p e n d i e n
2008 POLLEN, Monflanquin, Frankreich
2000 - 2001 Deutsch-Französischer Kulturat
2000 Kaiserringstipendium, Mönchehaus Museum Goslar
1997 - 1998 Graduiertenstipendium des Landes Sachsen-Anhalt
1997 Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds Berlin
1995 - 1996 DAAD-Jahresstipendium für Paris


E i n z e l a u s s t e l l u n g e n
2009 Hamish Morrison Galerie, Berlin
2008 POLLEN, Monflanquin, Frankreich
2006 Museum Goch
2004 Spielhaus Morrison Galerie
2000 Mönchehaus Museum für Moderne Kunst Goslar


K u n s t   i m   ö f f e n t l i c h e n   R a u m
2008 Venus von Minden, Minden / Westfalen
2005 - 2008 Roter Berg / Rathaus Goch
2006 Treibender Rhythmus / Palucca Schule Dresden
2003 Sandbank / Bitterfeld
2001 Ornisonorium / MLU Halle-Saale
2001 Lebensfaden / MLU Halle-Saale
2000 Regenweg / Stadtwerke Halle-Saale
2000 Max-Planck-Struktur, MPI Halle-Saale
2000 Tranquillité / Mönchehaus Museum Goslar
1998 Lichtbegegnung / Stadtwerke Halle
www.rolandfuhrmann.de

 


Polarsternrohr - Astrale Skulptur
innerhalb des Projektes "Über-Tage"
in Uhyst am Bärwalder See, 2009
 
     
 
    
 

Sternenkarte
 

Roland Fuhrmann beim Vermessen
und Markieren des Standorts, Juli 2009
 

Das Polarsternrohr am Bärwalder See (Modell)