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Rupprecht Matthies
EX SORABIA

Ort: Radweg zwischen dem Findlingspark Nochten und dem Boxberger Ufer des Bärwalder Sees

EX SORABIA
Schriftstelen in obersorbischer Sprache von Rupprecht Matthies

in Zusammenarbeit mit dem Jugendklub des CVJM Boxberg und den Landfrauen Nochten


Je älter wir werden, desto schwerer tun wir uns mit dem Erlernen einer neuen Sprache. Dabei haben viele von uns die heimliche Sehnsucht, tiefer in fremdes Vokabular einzudringen; den Geheimnissen des Englischen, Französischen oder Spanischen auf die Spur zu kommen. Meist ist dieses Streben beruflich motiviert. In Grenzregionen wie der Lausitz betrifft es häufig auch die Sprachen unserer unmittelbaren Nachbarn: hier Polnisch oder Tschechisch. Wir versuchen es mit der Volkshochschule, mit Hörprogrammen und mit interaktiven CDs. Wie schnell lassen wir uns entmutigen und verzichten damit auch darauf, die Kultur anderer Völker besser zu verstehen. Was aber, wenn diese Kultur mitten unter uns existiert und nicht durch eine politische Grenze als willkommener Hemmschwelle von unserem Alltag getrennt ist, wie im Falle der fast verschwundenen sorbischen Kultur?

Bequem ziehen wir uns auf das Argument zurück, dass die Sorben unter uns ja schon seit Jahrhunderten assimiliert sind, ihre Sprache kaum noch aktiv gesprochen wird und überhaupt die Pflege dieser Relikte eine hochsubventionierte, ja museale Angelegenheit ist. Doch manchmal treffen wir auf einige dieser "lebenden Fossilien"; auf Sorben, die mit ihrer ursprünglichen Sprache noch vertrauten Umgang pflegen. Dann stellen wir neidvoll fest, dass sich diese Menschen sprachlich mit großer Sicherheit auf dem modernen europäischen Parkett bewegen können - sie verständigen sich mit ihren polnischen, tschechischen und slowakischen Kollegen und Freunden ohne je in ein Wörterbuch zu schauen und sind uns meilenweit voraus. Plötzlich erscheint die Kenntnis dieses alten slawischen Idioms bei weitem nicht mehr so anachronistisch und überflüssig wie zuvor, sondern als völlig auf der Höhe der Zeit stehend. Vielleicht bemerken wir dabei auch, dass es eine große Zahl Engagierter gibt, die über Zeiten der Verdrängung hinweg dazu beitragen, diese Minderheitensprache lebendig und aktuell zu erhalten.

In das Abenteuer der sorbischen Sprache und in ihre nicht nur regionale Relevanz wollen die Schriftstelen des Hamburger Künstlers Rupprecht Matthies und seiner Helfer einführen. Gemeinsam mit Jugendlichen des CVJM-Jugendklubs Boxberg, den Landfrauen aus Nochten und dem sorbischen Sprachwissenschaftler Fabian Kaulfürst hat er ein begehbares Wörterbuch der obersorbischen Sprache entwickelt. In Metallgerüsten, die am Fahrradweg zwischen dem Findlingspark Nochten und dem Boxberger Ufer des Bärwalder Sees aufgestellt wurden, hängt jeweils eine Auswahl von Worten, die sich aus bestimmten Themenkreisen wie Natur, Jugendsprache, sorbische Tradition oder Alltagsgebrauch speist. Die Begriffe wurden von den Vorschlagenden selbst in ihrer eigenen Handschrift aufgezeichnet und dann von dem Künstler in farbige Metallobjekte übersetzt. Diese Technik ist eines seiner künstlerischen Markenzeichen; seine eigene Handschrift sozusagen, die meist auf enger Einbeziehung des jeweiligen Umfelds beruht und Kunst als Integrationswerkzeug zwischen Generationen und sozialen Gruppen versteht. Was so unter seiner Regie entsteht, sind letztendlich poetische Porträts von Menschen und ihren Interessen. Die Wortgebilde erlauben, anders als das vielfach bei Museumskunst der Fall ist, dass sich die Teilnehmer der Projekte als Mitschöpfer damit identifizieren können.

Einige Worte aus der Auswahl kommen uns bekannt vor, denn sie spiegeln die Nähe der sich in dieser Gegend überlappenden Kulturen: "dudy" (Dudelsack), "fidle" (Geige), "hólowac" (holen) oder "šnuptichl" (Taschentuch). Andere lesen sich fremd und exotisch - das mögen "pripoldnica" (Mittagsfrau), "dzecatko" (Christkind) oder "jejkamoler" (Eiermaler) sein. Die Übersetzungsschilder neben den Säulen ermöglichen mühelosen Einstieg. Noch spannender wird es bei der Kategorie der Jugendsprache, vor der auch die weitverbreiteten Anglizismen nicht Halt machen. Warum auch? Hier erweist sich erst die (Über)Lebensfähigkeit und Kreativität einer Sprache, die, wie alle modernen Ausdrucksmittel, nicht stagniert. Salonfähig sind diese Ausdrücke nicht in jedem Fall, straßenfähig aber ganz bestimmt. Jetzt können sich die Inlinehockeyspieler der "Nochtener Grubenflitzer" auch in ihrer sorbischen Übersetzung als "Jamosmalerjo" ausweisen. Zweisprachigkeit tritt so aus ihrem Schattendasein als deutsch-sorbisches Straßenschild heraus und macht Spaß: Der Enkel, den die Zweitsprache seiner Großmutter bislang kaum interessiert hat, kann plötzlich Punkte sammeln. Das sorbische Wörterbuch ist begehbar geworden und zu einem spannenden Anlaufpunkt für Einheimische, die sich spielerisch auf ihre Wurzeln besinnen und Zugereiste, die schon immer einmal etwas über diesen Standortfaktor der Region Lausitz erfahren wollten.


B i o g r a p h i e

1959 geboren in Hamburg

lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin

Soziologiestudium

1980 - 1986 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg bei Gustav Kluge

V e r ö f f e n t l i c h u n g e n
2008 Don't be so romantic
2007 Völksen
2006 Mut
2005 Nervus Rerum
2003 Sprachzylinder
2002 Neuruppiner Tagebuch


E i n z e l a u s s t e l l u n g e n (Auswahl)
2008 Don't be so romantic, Conrad, Berlin
2006 lächeln, Galerie am Bollwerk, Neuruppin
2005 Paix et Joie und Eierkuchen, Galerie Thron, Reutlingen
2004 Prima Prioritäten, Kunstfenster im BDI, Berlin

Spam, Produzentengalerie Hamburg

2001 Mustermaster, Hamburger Kunsthalle
zahlreiche Gruppenausstellungen und sowie Projekte im öffentlichen Raum

 


Findling


Christkind


Grubenflitzer


deine Mudda



     
 
     
 
     
 
     
 
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